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Letzte News

04/11/2013, 11:32
neuer-weltrekord-im-aeltesten-schachklub-der-weltAm Sonntag, den 03.11.2013 war ich auf Einladung der Schachgesellschaft Zürich, dem mit Abstand ältesten Schachklub der Welt, als Blindsimultanspieler zu...
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01/11/2013, 11:09
Live-Übertragung direkt aus dem Zunfthaus zur Saffran in Zürich. Beginn: 3.11.2013, 14 Uhr
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01/11/2013, 11:07
Zunächst einmal wünsche ich Euch allen einen guten Morgen. Jaja, ich weiß schon, es ist bereits halb 11 und somit streng genommen höchstens noch ein...
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Haltet den...Blindsimultanspieler?

Ich habe mich schon immer gefragt, ob es wirklich sein kann, was in vielen Bücher über Blindsimultan, in Internetforen und auch auf der Wikipedia so beharrlich und fast schon gebetsmühlenartig behauptet wird: Nämlich, dass das Blindschach seit 1930 in der Sowjetunion verboten gewesen sei, weil man "um die Gesundheit der Spieler fürchtete". Nun war die Sowjetunion damals ja sicherlich für manche Absonderlichkeiten gut, aber auch dort brauchte es für ein wirksames Gebot ein Gesetz - und dass sich das Zentralkomitee der KPdSU tatsächlich hingesetzt hat, um ein Gesetz gegen das Blindschachspiel zu beschließen...das hört sich zumindest sehr seltsam und nach einem typischen Beispiel einer "historischen Abschreibekette" an. Irgendein Autor erfindet es vor langer Zeit, weil es sich gut anhört, anderen gefällt das und fortan wird es munter kopiert, ohne dass jemand mal den Wahrheitsgehalt überprüft.

Ein Blick in das hervorragend recherchierte Buch "Blindfold Chess" von den amerikanischen Psychologen Eliot Hearst und John Knott lässt jedoch schon ernste Zweifel aufkommen. So schreibt Hearst auf Seite 203 dazu:

Soviet grandmaster Lev Polugaevsky (in the Amber tournament book for 1993, page 162) stated that it was untrue, that blindfold chess was forbidden in the Soviet Union (such displays just didn't happen)...[]...and finally World Champion Garry Kasparov...[]...declared that blindfold displays were not prohibited in Russia, but one needed approval and medical oversight to give such an exhibition

Das dürfte posthum auch Mikhail Tal beruhigen, denn wäre Blindsimultan tatsächlich verboten gewesen, dürften wir hier Zeuge eines der besten dokumentierten Verbrechen der Menschheitsgeschichte sein:


Mister Grinch

Inzwischen hat sich alles ein wenig beruhigt; im Verein ist der Alltag wieder eingekehrt, ich habe die Kreisblitzmeisterschaft mitgespielt (und mit großer Mühe gewonnen; es war deutlich zu spüren, dass der Kopf noch ziemlich schachmüde war) und auch der "Medienrummel" hat sich gelegt. Am kommenden Montag wird sich die Vereinsführung des SK Sontheim erstmals zusammensetzen und über die Ausrichtung des Weltrekordversuches Ende 2011 beraten. 46 Partien würden in dem Fall für mich anstehen....wenn ich darüber nachdenke, wird mir ganz anders. Da ist ja dann der ganze Saal voll mit Schachspielern! Brrrr.... . Um eine realistische Chance zu haben, muss ich im Vorfeld auf alle Fälle sehr intensiv trainieren, sowohl sportlich als auch schachlich, sonst wird das vermeintliche Großereignis zu einem stammelnden Fiasko.

Übrigens haben mich ein paar Kommentare im Internet sehr verstimmt, denen zu Folge meine Gegner so vermeintlich schwach gewesen seien und viele Partien ja schon um Zug 20 herum geendet hätten, was ja dann "keine große Sache" sei. Ich weiß natürlich, dass Manche wohl nur dann nichts mehr auszusetzen hätten, wenn ich gegen die ersten 35 der Weltrangliste gespielt und Remisangebote bzw. deren Annahme bei Strafe untersagt gewesen wäre. Ich weiß auch, dass ich das getrost ignorieren könnte und auch sollte. Aber es nervt mich trotzdem, denn es ist einfach unfair, weshalb ich gerne ein paar Vergleichsdaten liefern möchte:

Die Leistung, die ich letztlich um ein Brett überboten habe, war das Blindsimultan von George Koltanowski an 34 Bretter, gespielt 1937 in Edinburgh. Daher möchte ich die Veranstaltung in Sontheim erst einmal damit vergleichen, zu Najdorfs Rekord kommen wir ja erst später :-). Als Quelle dient mir das hervorragend recherchierte Buch von Eliot Hearst und John Knott, "Blindfold Chess".

Beim ersten Blick fällt auf, dass Koltanowskis Rekordveranstaltung gerade einmal 14 Stunden dauerte. Das ist erstaunlich, denn wir haben in Sontheim für nur ein Brett mehr satte neun(!) Stunden länger gebraucht. Woran das liegt, wird schnell klar, wenn man sich anschaut, wieviele Partien noch vor dem 16. Zug entschieden waren: Nämlich nicht weniger als 16, das sind 47,1%, also fast die Hälfte. Zum Vergleich: Bei mir waren es gerade einmal 3 Partien bzw. 8,6%. Spielt man anschließend die Partien einmal durch (sie sind alle erhalten geblieben und ebenfalls in dem o.g. Buch zu finden), dann stößt man auf drei Remisschlüsse noch vor Zug 10(!) und weitere fünf vor dem 15. Zug, allesamt zu einem Zeitpunkt, da auf dem Brett noch rein gar nichts los war. Ein ähnliches Bild bieten die Gewinnpartien: Zwei endeten bereits im siebten bzw. achten Zug, zwei weitere nach 10 und wieder zwei weitere nach nur 12 Zügen. Ich konnte in Sontheim meine ersten zwei Partien erst im 15. Zug gewinnen.

Was die Stärke der Gegner angeht, steht die Auswahl in Sontheim der von Edinburgh sicherlich in nichts nach - heutzutage lässt sich auch kein schwacher Spieler mehr in nur 7 Zügen "abschlachten". Darüber hinaus sollte man einen weiteren Umstand nicht außer Acht lassen: Koltanowski hatte im September 1937, als das Blindsimultan stattfand, eine historische ELO-Zahl von 2516 und war die Nummer 85 in der Welt! Im Vergleich dazu bin ich mit meinen 2303 gerade mal irgendwo um Platz 8.000 herum angesiedelt, d.h. um vergleichbare Konditionen zu haben, müsste ich gegen ca. 200 ELO-Punkte schwächere Gegner spielen als "Kolty". Das alles nur mal so als Denkanstoß.

Wohl verstanden: Ich will Koltanowskis Leistung keineswegs schmälern. Ich will lediglich darauf hinweisen, dass zum Einen das Problem kurzer Partien ein ganz normales für ein Simultan im Allgemeinen und ein Blindsimultan im Besonderen ist - dafür gibt es ja Simultanveranstaltungen, damit auch deutlich schwächere Spieler überhaupt eine Chance haben. Und wenn sie dann schon in der Eröffnung danebengreifen und verlieren - darf ich dann nicht gewinnen oder muss ich die Partie noch bis zum 30. Zug hinschleppen, damit sie "genehmigt" wird? Zum Anderen habe ich wirklich versucht, es besser zu machen als mein(e) Vorgänger - Remisofferten vor dem 15. Zug habe ich grundsätzlich abgelehnt und auch später teilweise Stellungen weitergespielt, obwohl sie klar Remis waren (woraufhin mich nach jeder Runde Nathanael, dessen Turmendspiel mit mir wirklich null Gewinnchancen bot, mit seinem Blick zu ermorden versuchte :-)). Auch Siege vor Zug 15 sucht man bei den Sontheimer Partien vergeblich - zur Erinnerung: Koltanowski hatte nach diesem Zug gerade einmal noch 18 Partien laufen, während es bei uns noch 32(!) waren.

Hier eine kleine Auswahl von Partien aus Koltanowskis Rekordveranstaltung von 1937 - die übrigens damals unwidersprochen als Weltrekord galt und als solcher sogar heute noch von einigen Quellen (darunter der englischen Wikipedia) geführt wird:

<?php
echo "<iframe src='http://www.blindsimultan.de/games/koltanowski_1937.htm' border=0 frameborder=0 height=2050 width=660></iframe>";
?>

 

Bilder und Fernsehbeitrag online

Die Bilder von der Rekordveranstaltung sind jetzt online:


Die Verwendung der Fotos ist frei, wir bitten lediglich darum, als Urheber den Fotografen Patric Romes zu nennen, das ist einfach guter Stil. Bei der Verwendung in Online-Medien bitte mit Link auf unsere Homepage und/oder www.blindsimultan.de. Auf Wunsch können hochauflösende Versionen der Bilder bei mir Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! angefordert werden.

Darüber hinaus hat uns Ralf Kaster von nu-media.it dankenswerterweise den Beitrag aus dem SWR-Fernsehen vom 29.11. auf youtube bereit gestellt:

Könige im Nebel, Teil 2



9 Stunden für den ersten Punkt
Schon bald wurde klar, dass sich meine Hoffnungen, das Feld früh ein wenig zu lichten, als illusorisch erwiesen. Zum einen, weil selbst die als "potenzielle Opfer" (man möge mir den Ausdruck verzeihen, ist nicht arrogant gemeint) auserkorenen Spieler unerwartet zäh auftraten, zum anderen, weil ein frühes Partieende schon rein technisch kaum möglich war: Bei 35 laufenden Partien dauert ein einziger Umlauf, also ein Zugwechsel an allen Brettern, zwischen 45 Minuten und einer Stunde, d.h. selbst wenn es mir gelungen wäre, einen Gegner bereits im 10. Zug matt zusetzen, wäre dies immer trotzdem erst nach 7-10 Stunden überhaupt möglich gewesen. Tatsächlich dauerte es bis in die 9. Spielstunde, ehe ich das erste Tor erzielen konnte: Dem Sontheimer Jugendtalent Kevin Walter war die Eröffnung, ein Tb1-Grünfeld-Inder, zunächst leicht und schließlich völlig entgleist, so dass er mit Qualität und Bauer weniger lieber im 15. Zug aufgab, als sich die ganze Nacht damit herumquälen zu müssen. Das 2:0 folge unmittelbar darauf, als die Jugendspielerin Ann-Kathrin Grömme ebenfalls nach verkorkster Eröffnung mattgesetzt wurde.
Den ersten halben Punkt für das Blindsimultanfeld erzielte Anton Schmid, der mein ungenaues Spiel in einem klassischen "Linksspringer" (1.Sc3 e5 2.Sf3) genau richtig konterte und forciert ein Doppelturmendspiel erreichte, indem beide Seiten über leicht kompromittierte Bauernketten und null Gewinnchancen verfügten.

Der Geist von Tony Miles nimmt Rache
Wann genau ich schließlich das erste Mal hinter mich greifen musste, kann ich leider nicht mehr sagen; hierfür müsste man einmal den sicherlich überaus detaillierten Bericht des Schiedsrichters Alexander Geilfuß konsultieren. Dem Anschein nach jedoch nahm hier der verstorbene britische GM Tony Miles späte Rache dafür, dass ich ihm vergangenes Jahr seinen 20 Jahre alten deutschen Rekord entwedete, denn zum einen spielte sein lebender Vollstrecker, der Heuchlinger Helmuth Voigt, zunächst in einem Dameninder 4.Lf4 - ein Zug, den seinerzeit Miles entdeckt und lange Zeit angewendet hatte - und schließlich nahm er genau mit diesem "Geisterläufer" schließlich im 17. Zug meine Dame auf c7 kostenlos vom Brett. Die Präsenz dieses Läufers war mir zu diesem Zeitpunkt absolut entfallen. Kein Wunder eigentlich, denn Geister kann man ja normalerweise nicht einmal mit offenen Augen sehen, zumal es noch nicht Mitternacht war.

Schräge Schachzüge und schlafende Schönheiten
Etwa um Mitternacht und damit in der 16. Spielstunde müssten nach meiner Erinnerung noch mindestens 25 Partien gelaufen sein, aber auch hier muss ich erst auf den Rapport des Schiedsrichters warten, um Genaueres sagen zu können. Das ganze Drumherum ist mir mit zunehmender Spieldauer immer weniger im Gedächtnis; mein Gehirn sparte vermutlich Energie und merkte sich alleine noch die Schachpartien. Und in denen ging es nach wie vor heiß her; nach ein paar Remisschlüssen um den 20. Zug herum stand ich an den meisten Brettern gut genug, um mir den Luxus, Remisangebote auch abzulehnen, gut leisten zu können. Beispielsweise wollte ich unbedingt gegen die "Plüderhausener Fraktion" punkten, denn deren Eröffnungsbehandlung mit einmal 1...g5 und einmal Grobs Angriff, eigentlich eine gute Wahl in einem Blindsimultan, verlangte nach einer "Bestrafung", vornehmlich deshalb, damit das keine Nachahmer findet :-). Leider gelang mir das aber nur teilweise, denn der junge Angelo Missione, mit einer DWZ von gerade einmal 1006 einer der nominell Schwächsten im Feld, spielte groß auf und brachte mich mit einem stark vorgetragenen 1.g4 und v.a. einer großartigen Keule im 10. Zug (10.Lh3!!) arg in Bedrängnis und ich war am Ende froh, ins Remis entwischt zu sein. Immerhin konnte ich gegen seinen Trainer, H. Mück beweisen, dass Grobs Angriff im Nachzug (1.e4 g5) dann noch zu viel des Guten(?) ist; die Partie gegen den nominell stärksten Gegner im Feld würde ich auch als die aus meiner Sicht beste der Veranstaltung bezeichnen.

So etwa um Mitternacht herum traf die zweite Schicht der Berichterstatter vom SWR am Turnierort ein; sie wollten bis zum Ende ausharren und somit Bilder vom Schluss für ihre Reportage einfangen. Offenbar hatten sie sich aber hinsichtlich der Dauer des Events etwas verschätzt, denn als ich etwa gegen 4 Uhr morgens für die letzte Pause meinen Ruheraum aufsuchen wollte, staunte ich nicht schlecht, als ich darin die - zugegebenermaßen sehr hübsche - Toningenieurin schlafend vorfand. Ich hätte natürlich drauf bestehen können, dass sie sich woanders hinlegt (äh...obwohl...), aber was solls - ich habe mich dann eben auf die Toilette zurückgezogen und dort mit geschlossenen Augen eine Weile vor mich hingedöst. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken, zu keinem Zeitpunkt während der Veranstaltung, zumal ich mich auch gar nicht so müde gefühlt hatte.

Endspurt auf Handzetteln
Den für ein Ergebnis über 50% nötigen 18. Punkt dürfte ich so ungefähr um 5 Uhr morgens gegen Herrn Schauz an Brett 24 erzielt haben - er gab angesichts eines unaufhaltsamen Mattangriffs gegen seinen Wanderkönig auf f7 den hoffnungslosen Kampf verloren und garantierte mir somit vorzeitig den Eintrag in den Rekordbüchern. Als schließlich nur noch 5 Partien liefen, fiel die Zugeingabe per Computer "technischen Problemen" zum Opfer - ich war inzwschen zu müde geworden, um das ohnehin etwas unausgegorene Eingabeprogramm korrekt zu bedienen, weshalb ich vorschlug, zur "klassischen" und bei unzähligen Blindsimultanvorstellungen in der Vergangenheit bewährten Methode des einfachen "Zurufs" überzugehen. Leider hielt der Schiedsrichter diese Methode für zu unsicher und bestand darauf, dass ich meine Züge immer zunächst sage, dann auf einem Zettel notiere, ihm diesen übergebe und er dann anhand meiner Krakelschrift den Zug am jeweiligen Brett ausführt. Für meinen Geschmack eine etwas überzogen korrekte Art der Übertragung, die man nach über 20 Stunden Spielzeit und entsprechender Müdigkeit auch nicht mehr besonders erfreut zur Kenntnis nimmt, aber nun gut, es muss ja alles seine viel geliebte Ordnung haben. Seltsam nur, dass ich keinen gelochten und unterschriebenen Durchschlag für meine Akten erhielt (jetzt aber schnell in Deckung :-)).
Wie auch immer, die Müdigkeit war nun naturgemäß der Hauptkonkurrent, aber Gott sei Dank nicht nur für mich, sondern auch für alle noch im Spiel befindlichen Gegner. Oder besser: Für FAST alle, denn leider war auch der Computer, ein Fritz 11 im auf DWZ 1600 heruntergebremsten Handicapmodus. Der war immer noch fit wie ein Turnschuh und es war nur folgerichtig, dass er irgendwann seine anfänglich desaströse Stellung mit Minusbauern schrittweise immer mehr verbesserte, bis er schließlich eine letzte Unaufmerksamkeit meinerseits nutzte, mit seiner Dame in meiner Stellung eindrang und einen Bauern nach dem anderen abräumte. Als ich aufgab, war ich aber eher erleichtert - nun konnte niemand behaupten, ich hätte den Computer etwa im Vorfeld irgendwie zu meinen Gunsten manipuliert oder dergleichen.
Nach einer weiteren Niederlage gegen den Sontheimer Hans-Peter Grandel, gegen den ich ebenfalls einzügig die Dame stehen ließ, war es dann aber endgültig vorbei mit den Geschenken und als um 2 Minuten nach 8 nur noch der junge Benjamin Faigle und ich übrig waren, gab ich die letzte Partie beim Stand von 25:9 schließlich trotz Mehrdame Remis - ein anderer Ausgang schien mir irgendwie unangemessen.

Ausblick
Am Ende war ich natürlich glücklich - zum einen, weil es vorbei war, zum anderen, weil es so gut geklappt hatte. Auch wenn der Verlauf mir einige "kritische Punkte" aufgezeigt hat, die ich unbedingt noch verbessern muss, scheint mir der Weltrekord von 46 Partien durchaus im Bereich des Möglichen zu sein. Als Termin visieren wir Oktober/November 2011 an; die Veranstaltung wird dann wieder in Sontheim/Brenz stattfinden. Auf alle Fälle war die Medienpräsenz und auch die Resonanz aus der nicht-schachspielenden Bevölkerung absoluter Wahnsinn; es war beeindruckend mit anzusehen, dass man durchaus auch Print, Radio und TV für Schach begeistern kann - die Redakteurin des Fernsehteeams rief mich sogar am Tag nach Ausstrahlung der Reportage eigens noch einmal an, um mir zu sagen, wie sehr ihr das Thema gefallen hatte. Auch das tatsächliche und potenzielle Sponsoreninteresse ist vorhanden; bereits 2 Tage nach dem Rekord erhielt ich erste Anfragen von Sponsorenseite, ob und wie man den Weltrekordversuch zusammen ausrichten könne.

Zu schade nur, dass diese Chance an den Verbänden vorbeizugehen scheint. Denn obwohl im ganzen Land hoch und runter die Zeitungen teilweise mit ganzseitigen Artikeln, das Fernsehen mit einem 3,5-minütigem Beitrag und das Radio sogar live(!) berichteten, war die Veranstaltung weder dem Schachverband Württemberg noch dem Deutschen Schachbund bislang auch nur eine Zeile auf deren Homepage wert. Weder im Vorfeld als Ankündigung noch danach als Bericht. Nicht einmal für einen Verweis auf die Turnierseite hat es gereicht. Nun denn.

Und wie immer gehört der Schluss den Leuten, die am Wichtigsten waren: An alle Teilnehmer, Helfer, dem Planungsteam des SK Sontheim, den Leuten vom Fernsehen, Radio und von den Zeitungen: Vielen herzlichen Dank für Euer unermüdliches Engagement. Ohne Euch wäre das alles nicht möglich gewesen. Auf ein Neues dann in Sontheim 2011!

Hier noch einmal das Endergebnis mit allen Einzelresultaten:

M. Lang - Blindsimultanfeld 25.5 : 9.5
Brett Weiß
Schwarz Verein DWZ Ergebnis
1 Marc Lang - Anton Schmid SK Sontheim/Brenz 1610 remis
2 Marc Lang - Jochen Wegener/Georg Buck SK Sontheim/Brenz 1679 1:0
3 Marc Lang - Benedikt Kübler / Jonathan Schmidt / Maxim Frühsorger SK Sontheim/Brenz 900 1:0
4 Marc Lang - Max Romes / Paul Romes SK Sontheim/Brenz 1519 1:0
5 Anita Fischle / Patric Romes - Marc Lang SK Sontheim/Brenz
0:1
6 Marc Lang - Sven Fuchs SK Sontheim/Brenz 1153 1:0
7 Marc Lang - Edgar Hitzler RSV Heuchlingen 1225 1:0
8 Marc Lang - Ann-Kathrin Grömme SK Sontheim/Brenz 756 1:0
9 Marc Lang - Hans-Peter Grandel SK Sontheim/Brenz 1558 0:1
10 Christian Dürr - Marc Lang SC Plüderhausen 1217 remis
11 Marc Lang - Thomas Häußler SV Giengen 1179 1:0
12 Marc Lang - Kevin Walter SK Sontheim/Brenz 1699 1:0
13 Marc Lang - Franz Wagner/Michael Honold SK Sontheim/Brenz 1400 remis
14 Marc Lang - Nathanael Häußler SK Sontheim/Brenz 1404 remis
15 Ulrich Kapfer - Marc Lang SC Dillingen 1594 remis
16 Marc Lang - Ernst Buck SK Sontheim/Brenz 1269 1:0
17 Marc Lang - Michael Seitzinger SK Sontheim/Brenz 1064 1:0
18 Marc Lang - Frank Jarchov SV Giengen 1357 1:0
19 Marc Lang - Willi Diepold/Stephan Weiß SK Sontheim/Brenz 1461 1:0
20 Helmut Voigt - Marc Lang RSV Heuchlingen 1118 1:0
21 Marc Lang - Ulrich Grömme SK Sontheim/Brenz 1149 remis
22 Marc Lang - Simon Stork SV Langenau 1570 remis
23 Marc Lang - Artur Krug SV Giengen 1486 remis
24 Marc Lang - Heinz-Jürgen Schauz SK Sontheim/Brenz
1:0
25 Angelo Missione - Marc Lang SC Plüderhausen 1006 remis
26 Marc Lang - Markus Ott SK Sontheim/Brenz 1496 1:0
27 Marc Lang - Igor Frühsorger SK Sontheim/Brenz 1795 remis
28 Marc Lang - Heinz-Peter Mück SC Plüderhausen 1914 1:0
29 Marc Lang - Lewin Fricke/Kubilay Cevik SK Sontheim/Brenz 1207 1:0
30 Manfred Hölzle - Marc Lang Kaufbeuren 1600 remis
31 Marc Lang - Benjamin Faigle SK Sontheim/Brenz 1087 remis
32 Marc Lang - Bernd Becher SK Sontheim/Brenz 844 1:0
33 Marc Lang - Günter Ott SK Sontheim/Brenz 1748 remis
34 Marc Lang - Josef Stocklossa/Stefan Köberle SK Sontheim/Brenz 1575 1:0
35 Fritz 11 - Marc Lang Chessbase 1600 1:0
Gesamt 28 Weißpartien
7 Schwarzpartien +19 =13 -3 1403 25,5:9,5

Nachtrag 01.12.: Der Deutsche Schachbund hat sich inzwischen zu diesem Artikel durchgerungen und dabei auch gleich die spannende Frage beim Leser aufgeworfen, ob Blindsimultan und Demenz irgendein logischer Zusammenhang verbindet (und wenn ja: welcher?) oder ob am Ende ein solcher zwischen Demenz und dem Schreiben von Online-Artikeln besteht.

Nachtrag 03.12.: Nun hat auch der Schachverband Württemberg einen Beitrag online gestellt. Übrigens ein durchaus lesenswerter und ein absoluter Quantensprung zu dem dementen Unsinn Artikel auf der Homepage des DSB

Könige im Nebel, Teil 1


Die so genannten "großen Momente" haben zu Beginn meistens etwas absolut Surreales an sich. Da steht man nun in einem großen, mit Holzplatten blickdicht gemachten Hufeisen aus Schachtischen, eine ganze Menge Augen schauen einen neugierig und erwartungsvoll, vielleicht teilweise auch etwas mitleidig an, Blitzlichter geistern durch den Raum, sogar eine Fernsehkamera ist anwesend und verfolgt einen wie die Wespe ein üppiges Kuchenstück. Ein Blindsimultan findet hier gleich statt, an 35 Brettern - und ich soll das machen? Ist das auch kein Irrtum? Stimmt, auf den Plakaten steht es ja...und Ihr seid Euch wirklich sicher, dass ich derjenige bin?

Schließlich legt man die Verwunderung mangels Alternativen beiseite und lässt sich ein Stück weit vom Gang der Ereignisse treiben. Ein Foto mit den Sponsoren, dann noch eins, Leute wünschen mir Glück, manche kenne ich, andere nicht, aber ich nehme sie alle gar nicht so richtig wahr, zu unwirklich erscheint mir die ganze Szenerie. Dann soll es losgehen, ich sage ein paar Worte, mache ein paar Scherze mit meinen Gegnern, vielleicht ein letzter Versuch, noch rechtzeitig aufzuwachen. Ich soll gegen all die Leute hier blind spielen? Undenkbar, das sind doch so viele?! Und doch scheint es allen Beteiligten ernst damit zu sein, also setze ich mich mal wie gewünscht an den Laptop. Zeit, sich zu akklimatisieren oder wenigstens mit der Situation abzufinden, bleibt kaum, denn schon wird man gefordert. Einen Zug soll ich machen. Oder besser: 35 davon.

Bitte anschnallen
Dann geht es los und wie mit einem einzigen, kräftigen Ruck wird man in die Geschichte hineingezogen; das Bewusstsein nimmt Platz im großen Karussell der 35 Bretter und wird schnell ein Teil davon. Was jetzt geschieht, kann ich nur sehr schwer beschreiben; es fühlt sich so an, als baute sich eine Art "zweite Ebene" neben der sonstigen Wahrnehmung auf. Eine Schachebene, sozusagen, in der es nur diese 35 Partien gibt. Sie ist anfangs noch verschwommen, instabil und an vielen Stellen unvollständig, aber mit jeder Runde nimmt sie immer konkretere Formen an, bis sie schließlich etwa um Zug 10 herum vollständig aufgebaut ist. Anschließend muss ich mich nicht mehr großartig um sie kümmern außer gelegentlich ein paar Erinnerungslücken ausbessern, sie existiert ganz friedlich neben der "normalen" Welt her, aktualisiert sich automatisch mit jedem Zug und ich kann problemlos hin- und herschalten, kann in den Pausen die Bretter einfach ausblenden und mich mit den Zuschauern und den Spielern unterhalten, ohne fürchten zu müssen, etwas zu vergessen. Die Bretter laufen nicht weg, verfolgen mich aber auch nicht. Es spielt auch keine Rolle, wie lange und wie oft die Veranstaltung unterbrochen wird oder ob zwischendurch ein Radioreporter ein Interview möchte - theoretisch wäre auch eine Pause von mehreren Tagen möglich. Erst dann fängt die Ebene allmählich zu bröckeln an.

Die siebenteilige Mottoshow
Eines der größten Probleme bei einer Blindsimultanvorstellung ist es, die vielen Bretter auseinander zu halten und ihnen möglichst frühzeitig einen eigenständigen Charakter zuzuordnen, der sie unterscheidbar macht. Ich hatte mir daher im Vorfeld ein System zurecht gelegt, das die Gegnerschaft in insgesamt 7 Gruppen à 5 Spieler einteilt. An vier dieser fünf Bretter hatte ich dann die weißen und an einem die schwarzen Steine; das Schwarzbrett trennte zudem die Gruppen voneinander ab, d.h. ich hatte beispielsweise an Tisch 1-4 Weiß, dann an TIsch 5 Schwarz und an 6-9 wieder Weiß usw.. Jeder Gruppe wurde dann ein "Motto" zugeteilt, das mit dem Anfangszug verknüpft war, den ich am jeweils ersten und letzten Weißbrett innerhalb einer Gruppe spielte. So eröffnete ich an den Brettern 1 und 4 jeweils mit 1.Sc3 und gab der ersten Gruppe das Motto "Linksspringer". Am zweiten und dritten Brett jeder Gruppe spielte ich grundsätzlich immer 1.d4 und 1.e4 und übernahm das Gruppenmotto für den Verlauf der Eröffnung als Richtlinie: In der d4-Partie spielte ich im 2. Zug Sc3 auf alles und am Nachbarbrett, wo ich 1.e4 zog, kam die Wiener Partie aufs Tapet - die Gegner hatte ich jeweils so gewählt, dass sie von ihrem Repertoire her dieses System wahrscheinlich nicht stören würden. Das ist alles möglicherweise für den Leser etwas verwirrend, daher habe ich mein System unten stehend einmal tabellarisch aufgelistet:

Gruppe Brett Motto 1. Zug Angestrebte Eröffnung
1 1 Linksspringer 1.Sc3 1.Sc3
1 2 Linksspringer 1.d4 2.Sc3 auf (fast) alles
1 3 Linksspringer 1.e4 Wiener Partie (der Gegner würde zu 100% 1...e5 spielen, das war sicher)
1 4 Linksspringer 1.Sc3 1.Sc3
1 5 Linksspringer 1...Sc6 Schwarzbrett; 1...Sc6 auf alles
2 6 c-Bauer 1.c4 1.c4, möglichst mit Sc3/Sf3 und d4
2 7 c-Bauer 1.d4 Damenbauernspiel mit frühem c-Bauern-Einsatz
2 8 c-Bauer 1.e4 Ponziani-Eröffnung (3.c3), da 1...e5 zu erwarten war
2 9 c-Bauer 1.c4 1.c4 mit "Theo-Aufbau", also Sc3/g3/e3/Sge2
2 10 c-Bauer 1...c5 Schwarzbrett, 1...c5 auf alles
3 11 d-Bauer 1.d4 Repertoire-Gruppe, hier spielte ich einfach das, was ich in Turnierpartien auch spielen würde
3 12 d-Bauer 1.d4 Repertoire-Gruppe, s. oben
3 13 d-Bauer 1.e4 Angestrebt war Morra-Gambit (d-Bauer!), doch meine Gegner spielten nicht, wie gedacht Sizilianisch
3 14 d-Bauer 1.d4 Repertoire-Gruppe
3 15 d-Bauer 1...Sf6 Eigentlich 1...d5 auf alles, aber ich kenne Ulrich Kapfer und wollte gegen ihn unbedingt Grünfeld spielen :-)
4 16 e-Bauer 1.e4 Für Ernst Buck hatte ich das Zweispringerspiel mit Sg5 vorbereitet - dass er dann Traxler Gegenangriff spielt, hätte ich nie und nimmer erwartet!
4 17 e-Bauer 1.d4 Blackmar-Diemer Gambit. Ungern, aber 1.d4 war als erster Zug Pflicht und das Motto ja "e-Bauer", also...
4 18 e-Bauer 1.e4 Caro-Kann mit (e-Bauernzug!) 3.e5. Ich wusste, dass Frank so spielen würde
4 19 e-Bauer 1.e4 1.e4 und dann halt irgendwie aggressiv :-)
4 20 e-Bauer 1...e6 Schwarzbrett, 1...e6 auf alles
5 21 f-Bauer 1.f4 1.f4 (würg!) und 2.b3 auf so ziemlich alles
5 22 f-Bauer 1.d4 1.d4 und dann irgendwann entweder was mit f3 oder, wenn nicht möglich, mit Sf3, Hauptsache "f"
5 23 f-Bauer 1.e4 Offener Sizilianer mit 2.Sf3 (ich wusste, dass mein Gegner Sizilianisch spielen würde)
5 24 f-Bauer 1.f4 1.f4 und dann ein Aufbau mit 2.Sf3
5 25 f-Bauer 1...Sf6 Eigentlich war 1...Sf6 auf alles geplant, aber dann packte mein Gegner ausgerechnet 1.g4 aus, der einzige Zug, nach dem das nicht so richtig geht!
6 26 Rechtsspringer 1.Sf3 1.Sf3 und dann ein Aufbau mit g3
6 27 Rechtsspringer 1.d4 1.d4 und 2.Sf3 auf alles
6 28 Rechtsspringer 1.e4 Eine der wenigen Ausnahmen: Ich wusste, dass mein Gegner das bizarre 1...g5 spielen würde und hatte etwas Giftiges vorbereitet - ohne "Rechtsspringer-Einsatz"
6 29 Rechtsspringer 1.Sf3 1.Sf3 und 2.c4
6 30 Rechtsspringer 1...Sf6 Schwarzbrett, 1...Sf6 auf alles
7 31 Fort Attacke 1.e4 Der "Attacke-Block". Hier spielte ich ausschließlich 1.e4 und auf 1...e5 dann 2.d4, Mittelgambit mit 3.Dxd4
7 32 Fort Attacke 1.e4 s.oben
7 33 Fort Attacke 1.e4 s.oben
7 34 Fort Attacke 1.e4 s.oben
7 35 Mottolos 1...mal sehen Das Computerbrett. Hier war die letzte Insel der Inspiration, ich wollte einfach mal schauen, was er auspackt und dann entscheiden.


Wie Ihr der Tabelle entnehmen könnt, waren die Blöcke alle gleich aufgebaut: An 1 und 4 den Mottozug, dazwischen 1.d4 und 1.e4, und am Schwarzbrett wenn möglich dann den gespiegelten Mottozug. Das hat nicht immer funktioniert, aber an den meisten Brettern schon und war mir bei der schwierigen Orientierung am Anfang eine sehr große Hilfe. Für die nächste Veranstaltung werde ich das System grundsätzlich auch so beibehalten, nur mit 1.f4 muss ich mir was überlegen - dieser Zug hat mir bislang in allen Blindsimultanvorstellungen verheerende Stellungen eingebracht. Ganz offensichtlich liegt er mir einfach nicht.

Warten auf den Verräter
Nachdem die kritische Eröffnungsphase, eventuell auch dank des oben stehenden Systems, überraschend glatt verlief, trat bald darauf ein ganz neues Problem auf, das mir in dieser Häufung bislang fremd war: Die Rochade. Irgendetwas muss an diesem Zug Besonderes (oder vielleicht eher: Unauffälliges) sein, dass man ihn so gerne vergisst, denn auf einmal stand ich in sehr vielen Partien vor der Frage: Habe ich bereits rochiert oder steht mein König noch auf e1 bzw. e8? Und wo zum Henker steht der König meines Gegners? Manchmal konnte ich das rekonstruieren, aber manchmal blieb mir nichts anderes übrig, als auf einen "Verräter" zu warten: Züge wie "König g8 nach h8", beispielsweise, oder "Turm f1 nach e1". Auch Angriffe wie etwa "Läufer f8 nach b4 Schach" waren herzlich willkommen, offenbarten sie mir doch, dass an diesem Brett die Rochade noch nicht geschehen war. Hier muss ich mir fürs nächste Mal dringend überlegen, mit welchem kleinen Kniff sich das zukünftig besser speichern lässt.

So, hier muss ich jetzt leider für eine Weile unterbrechen; die ganze Arbeit, die während meiner Vorbereitungsphase liegengeblieben ist, bricht heute massiv über mich herein. Der 2. Teil kommt folgt in Kürze, voraussichtlich morgen.