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04/11/2013, 11:32
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01/11/2013, 11:09
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01/11/2013, 11:07
Zunächst einmal wünsche ich Euch allen einen guten Morgen. Jaja, ich weiß schon, es ist bereits halb 11 und somit streng genommen höchstens noch ein...
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Mit Resi und Ohrenschützern zum Weltrekord

Alle Partien der Veranstaltung sind online abruf- und nachspielbar auf http://www.blindsimultan.de/schachblog/partien_blindblitz_16_07_2011.htm und Fotos gibt es hier.

Das Kaffeemaschinenorakel verhieß nichts Gutes. Als ich am letzten Samstag mit auf Halbmast stehenden Augen in die Küche schlurfte, um dort von einer großen Tasse Kaffee die allmorgendliche Evolution vom motorisch gestörten Neandertaler zum Homo sapiens vollziehen zu lassen, erwartete mich die Höchststrafe in Gestalt von drei rot blinkenden Lämpchen auf dem Display, was bedeutet: Wasser nachfüllen, Tropfschale leeren, Maschine entkalken! Eine waschechte Albtraumkombination, die in gebündelter Form nur ca. einmal im Jahr vorkommt und erfahrungsgemäß großes Unheil ankündigt: Beim letzten Mal beispielsweise lief mir kurz darauf im Günzburger City-Parkhaus ein wildgewordener Betonpfeiler ins Auto. Was es heute sein würde, ahnte ich bereits: Kopfschmerzen.

Foto: Frank JarchovWer wie ich mit einem Hobbybarometer im Kopf ausgestattet ist, kennt das Problem - sobald das Wetter im Begriff ist zu wechseln, fällt dem Gehirn nichts Besseres ein, als dies dadurch anzukündigen, dass es massiv zu schmerzen beginnt. Hier gäbe es für einen Schöpfer sicherlich Nachbesserungsbedarf; beispielsweise könnte man die Kopfschmerzen durch beschleunigtes Fingernägelwachstum ersetzen. Wie auch immer, jedenfalls kam die ungebetene Wettervorhersage zu genau dem falschen Zeitpunkt, denn nur wenige Stunden später sollte ich eine Serie von 60 Blitzpartien spielen. Blind. Auf einem Straßenfest. Und als Sahnehäubchen noch zum Klang einer durch das schöne Wetter sicherlich hochmotivierten Blaskapelle.

Immerhin hielt sich diese anfangs noch zurück und verlegte sich auf sporadisch eingestreute, kurze Übungssalven, was die mobile Internetverbindung offenbar ansteckte, denn der sehr schlechte Empfang auf dem Sontheimer Volksfestplatz verzögerte den Anpfiff der ersten Partie um fast eine Stunde. Aber die anwesenden Experten konnten das Problem schließlich lösen, indem sie die UMTS-Empfänger fachmännisch von einem USB-Anschluss zum nächsten und wieder zurück steckten, bis es plötzlich ging; allerdings blieb die Verbindung bis zum Ende der Veranstaltung anfällig und fiel 2-3 Mal vorübergehend sogar ganz aus. Dieser holprige Start sollte sich dann auch auf mein Spiel übertragen.

Die emsigen Organisatoren vom SK Sontheim hatten entschieden, mir meine Gegner nach einem pädagogisch wertvollen Konzept zuzuteilen: In der Anfangsphase, so lange ich noch "kalt" war, spielte ich gegen den Vereinsnachwuchs und einige Spieler der 4. und 5. Mannschaft und erst, wenn ich so richtig heißgelaufen sein würde, kamen die Cracks aus der Ersten und Zweiten zum Zuge. Gespielt wurde auf zwei Laptops über den Fritzserver, wobei mein Brett figurenbereinigt angezeigt und die Züge über Kopfhörer von der Chessbase-Software verbal angesagt wurden. Das entspricht dem Zeitgeist und lässt sich auch wunderbar für Übertragungen sowohl ins Internet als auch auf einen vor Ort aufgestellten, großen Plasmabildschirm nutzen, hat aber im Vergleich zur klassischen "Zurufmethode" (an einem normalen Brett, das der Blindspieler nicht sieht und wo er die Züge von einem Übermittler angesagt bekommt) einen großen Nachteil: Das Brett.

Man sollte meinen, so ein großes, leeres Diagramm sei eine gewisse Hilfestellung, aber de facto ist es für den Blinden eher ein Handicap. Das, was ich mir beim Blindspielen normalerweise im Kopf vorstelle, hat im Grunde keine große Ähnlichkeit mit einem realen Schachbrett; es sind eher ein paar farblose Linien, quasi wie eine grobe Bleistiftskizze. Dieses große, blau-weiß karierte Etwas, auf dem man auf schach.de spielt, überlagert auf eher schädliche Weise dieses mentale Bild und anstatt dass ich "meine" Figuren auf "meinem" Brett visualisieren muss, bin ich plötzlich gezwungen, statt dessen diese virtuellen FIguren auf einem realen Brett zu platzieren und das dann im Kopf als Ganzes wieder zusammenzusetzen (äh...hat das jemand verstanden? Ich hab da jetzt ehrlich gesagt beim zweiten Durchlesen so meine Schwierigkeiten). Das kostet ein erhebliches Maß an Konzentration und meine Trainingsversuche im Vorfeld waren auch nicht besonders erfolgreich. Dennoch konnten wir auf das leere Brett nicht verzichten, denn es diente ja schließlich als Eingabemaske für meine Züge - zwar ist es möglich, nur mit der Tastatur zu ziehen, aber das führt unweigerlich in eine hektische Tippkatastrophe, sobald man in Zeitnot kommt.

Die Lösung war schließlich ein kleiner Trick: Wenn man auf das Brett nicht verzichten kann, muss man es eben "passend" machen, so dass es sich mit der eigenen Vorstellung verträgt oder zumindest nicht überschneidet. Also stellte ich während der Partien den Blick auf den Monitor auf "maximal unscharf"; ganz so, als ob man in die Ferne oder auf seine Ehefrau blickt, wenn sie einem zum hundertsten Mal erklärt, welcher Müll in welchen Sack kommt oder warum eine Ausrichtung der Teppichfransen parallel zum Erdmagnetfeld ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität ist. Im Ergebnis jedenfalls nahm ich das Brett nur noch als verschwommenes, kariertes "Ding" war, dessen Konturen gerade noch ausreichten, um die Felder für die Zugeingabe unterscheiden zu können. Ansonsten "blickte" ich in der Hauptsache nach innen, auf "mein eigenes" Brett. Einziges Manko dieser Methode war, dass ich bisweilen nicht erkennen konnte, wieviel Zeit ich noch hatte - zwar war die Uhr auf maximale Größe gestellt, aber die Ziffern waren dennoch nicht immer eindeutig und den Blick wieder schärfen durfte ich nicht, weil daneben ja das böse Brett lauerte... .

Trotz allem hatte ich im vor dem Start erhebliche Bedenken ob der Dauer und der Lärmbelastung, aber zu Anfang lief es überraschend gut und nach 10 Partien hatte ich nur eineinhalb Punkte abgegeben. Einen halben davon auf eine für das Blindspiel sehr typische Art und Weise:

 

Jonathan Schmidt - Marc Lang (Runde 2), Stellung nach 41. Tg5+Schwarz hat eine glatte Mehrfigur und sollte natürlich leicht gewinnen, indem er mit dem König nach f8 läuft, aber auf dem Weg zur Diagrammstellung war mir irgendwo der Bauer f7 abhanden gekommen. Ohne diesen kann sich der schwarze König nirgendwo verstecken, ohne dass der Läufer f3 verloren geht, daher fügte ich mich in mein vermeintliches Schicksal und bot Remis an, was mein Gegner dankend akzeptierte.

 
Zur ersten Pause nach fast 4 Stunden Spielzeit und 20 Spielen erhöhte sich der Zwischenstand auf 18:2, aber auf der Bühne machte sich bereits die Blaskapelle warm und begann pünktlich mit dem ersten Zug der 21. Partie die Festbeschallung. Glücklicherweise hatten wir vorab schon für ein professionelles Equipment gesorgt und ein Paar Gehörschutz...äh...-dinger (mit denen man ein bisschen wie Micky Maus aussieht) sowie spezielle In-Ohr-Kopfhörer besorgt. Diese brachten zwar auf Dauer wegen der mangelnden Luftzufuhr meine Ohrläppchen zum Kochen, schirmten die Musik aber zumindest so weit ab, dass ich mich konzentrieren konnte. Dennoch bin ich seit dem Wochenende bestens darüber im Bilde, von wem und v.a. womit Resi abgeholt wird und in welchen Farben der Enzian für gewöhnlich zu blühen gedenkt.

Inzwischen waren auch die Cracks der ersten beiden Sontheimer Mannschaften eingetroffen und damit war es mit meiner pädagogischen Schonfrist natürlich schlagartig vorbei; neben einigen Remisen gesellten sich nun auch deutliche Niederlagen hinzu; gerade gegen erfahrene Kampfblitzer wie Sören Pürckhauer hatte ich an diesem Abend nicht den Hauch einer Chance. Nichtsdestotrotz gelang mir in Partie 36 der beruhigende 31. Punkt und das stilecht gegen unseren 1. Vorsitzenden mit einer unkomplizierten kleinen Kombination:

Marc Lang - Roland Mayer (Runde 36), Stellung nach 35...Tb7

Weiß gewinnt mit 36.Dxf5+ Kg8 (36..Ke8 37.Lxe6 oder 36...Df6 37.Txd7+ ist auch nicht besser) 37.Txd7 Txd7 38.Lxe6+ 1-0

Damit war das Ziel, über 50 Prozent zu holen, auf alle Fälle schon einmal eingefahren und das Restprogramm konnte relativ entspannt angegangen werden. Trotzdem kommt bei 60 Blitzpartien (ob blind oder sehend) irgendwann der Punkt, wo man lieber das Schachbrett beiseitelegen und bei einem Bierchen mehr über Resis Abholservice erfahren würde, als immer wieder dieses dröge Damengambit zu spielen. Beim nicht-Schach-spielenden Festpublikum kam das Event aber jedenfalls gut an; der Übertragungsmonitor, auf dem die Partien (mit Figuren) angezeigt wurden, war stets umringt und auch hinter mir scharten sich regelmäßig Zuschauer, die einmal sehen wollten, wie man nichts sehen kann.

 

Insgesamt war das Niveau der Partien in Ordnung wenn man bedenkt, dass ich blind und meine Gegner praktisch taub (wegen der lauten Musik) gespielt haben. Es gab natürlich einige Einsteller, aber das hielt sich in blitztypischen Grenzen. Meinen persönlichen Lieblingszug des Events möchte ich Euch jedoch zum Abschluss noch präsentieren:

Walliser - Lang (Partie 56), Stellung nach 18.Tab2Weiß hat die b-Linie so einigermaßen im Griff, was soll Schwarz also unternehmen? Da fiel mir plötzlich auf, dass Schwarz diese Linie sogar erobern kann, indem er auf den schwachen Bauern a6 spielt. Es folgte:

18...h6! , was faktisch bereits die Eroberung von a4 einleitet. Glaubt mir jetzt natürlich keiner, aber eigentlich ist es ganz einfach: Schwarz tauscht beide Türme, überführt dann den Sf5 nach c8 und opponiert schließlich auf b6. Weiß kann nicht tauschen, weil der Bauer a4 nach Sxb6 fallen würde. Anschließend spielt Schwarz Dame a5 nebst Sb6 und weg ist das Ding. 18...h6 bereitet das Springermanöver vor, denn auf sofortiges Sfe7?! würde Sg5 folgen.

In der Partie ging es weiter mit: 19.Txb8 Txb8 20.Tb2 Sfe7 21.Sb1 Sc8 22.Sa3 a6 23.Kf1 Txb2 24.Dxb2 Db6! 25.Dc2 Da5 26.Sd2 Sb6! und es war vollbracht. Schwarz gewann später das Springerendspiel.



Um exakt 3 Minuten nach 3 Uhr nachts, nach 14 Stunden Spielzeit, endete die letzte Partie standesgemäß mit einem Großmeisterremis zum Endstand von 50,5:9,5 (+45 =11 -4), aber das war, ebenso wie der damit verbundene Weltrekord, eigentlich von Anfang an nur Nebensache. Viel wichtiger war m.E., dass wir Schach auf diese Weise einem sehr breiten Publikum auf hoffentlich positive Weise präsentieren konnten und auch die lokale Presse davor und danach groß darüber berichtete. Eine Zeitung ließ sich gar von der Euphorie mitreißen und beförderte mich kurzerhand in ungeahnte Höhen:


Immerhin muss ich mir jetzt um meinen Spitznamen im SK Sontheim keine Gedanken mehr machen... .